Himmelsschlüsselchen, 2002, Sandstein, Höhe 56 cm

Die menschliche Figur in den Skulpturen und Plastiken der in Dresden lebenden Künstlerin Ursula Güttsches:

Ganz wie im realen Leben gibt es Frauen und Männer. In Sandstein, Bronze, Keramik oder auch Eisendraht sitzen, stehen oder liegen sie, ruhen in sich oder starren gesichtslos verträumt empor. Immer aber vermitteln die Figuren einen merkwürdig vertrauten menschlichen Typus, der sich in dem Material verfestigt hat. Das Fehlen von Gesichtern, im Sinne von porträthaften Zügen - Auge, Nase, Mund - trägt zu dem Geheimnis ihrer manifesten Erscheinung bei.

Da ist zum Beispiel Paul. Genauer gesagt, ein “Bronzepaul” und “Paulbüsten”. Trotz des Materials, Bronzeguss, wirken die Plastiken unendlich zart: Hochaufgereckt und trotzdem schmächtig, den Kopf erhoben, als ob der Sinn des Lebens weit oben zu finden sei, beschreiben die Figuren in der Seitenansicht eine Art menschliches Fragezeichen.“Bronzepaul” und “Paulbüsten” gehören zu einer Serie von Plastiken unterschiedlichen Formats, auch unterschiedlicher Materialität, in der sich Ursula Güttsches über einen längeren Zeitraum sehr intensiv mit einem männlichen Modell auseinander gesetzt hat. Nicht nur die äußeren Gegebenheiten der Figur, sondern auch die Persönlichkeit des Modells fanden Eingang in diese Arbeiten. Dabei geht die Künstlerin bis an die Grenzen des Materials: Wie dünn kann eigentlich die schmalste Stelle der Figur in Bronze ausgeführt werden?

Die unterschiedlichen Versionen von “Paul” verdeutlichen eindrucksvoll die Lösungsfindung für das Problem der Plastizität, verstanden als künstlerischer Wertbegriff. Plastizität meint nicht nur das messbare Volumen, sondern ganz besonders die Kraft und Energie, die eine Plastik durchdringt - und dazu ist eben nicht unbedingt eine massive Körperlichkeit nötig. Dies belegt unter anderem auch die Eisendraht-Plastik “Paar”, die in der Seitenansicht kaum wahrnehmbar ist und erst in der Frontalen das Figürliche preisgibt.

Diesen ätherischen Plastiken stehen nun die mit voluminöser Körperlichkeit gesegneten Frauen-figuren gegenüber. Auch hier stand die persönliche Auseinandersetzung mit einem weiblichen Modell am Beginn der Formfindung. Hinzu kommt die Positionierung der Werke in einen Traditionsstrang bildhauerischen Schaffens, der mit der berühmten altsteinzeitlichen Venus von Willendorf vor 27.000 Jahren begann und den Ursula Güttsches im 21. Jahrhundert fortschreibt und aktualisiert.

Dieser Gedanke verdichtet sich erneut in den in Mischtechnik ausgeführten Gemälden wie “Erdenmutter 1”, in denen Sandstein als Pigment dient und so die archaischen Formen unterstützt.
Die Sandstein-Skulptur “Himmelsschlüsselchen” zum Beispiel beschreibt liebevoll einen geradezu stoisch in sich ruhenden Frauentypus, dem die Unbillen des Lebens nichts anhaben können. Dazu wendet Ursula Güttsches das tradierte bildhauerische Blockprinzip an, in dem der Block die Figur in Richtung, Haltung und dem Grad an körperlicher Gliederung sowie beschränkter freier Beweglichkeit prägt. Auch hier zeigt sich ein Frauenbild, das den Betrachter anrührt, mit seinen verführerischen üppigen Formen aber den Tastsinn geradezu herausfordert.

Der Titel “Himmelsschlüsselchen” - in der Verniedlichung die Körpervolumina der Skulptur negierend - verweist zudem unter anderem auf eine Heilpflanze. Der Himmelsschlüssel wird botanisch als eine ausdauernde Pflanze mit kurzem Wurzelstock beschrieben, deren getrocknete Blätter zu einem schmerzlindernden Tee verarbeitet werden können. Und eine heilsame Wirkung mag man den archaisch-ruhigen Frauengestalten allemal attestieren.

Geschmunzelt werden darf aber auch: Der zärtlich-ironische Titel “Sugar-Baby” bezeichnet eine wunderbar üppige Frauenfigur, die sich genüsslich in einer Badewanne räkelt. Plastizität der menschlichen Figur als Wertbegriff: Im Körper als Ganzem, in der Behandlung der Oberfläche und der Gestaltung der Kontur repräsentieren die Plastiken und Skulpturen, die Frauen und Männer von Ursula Güttsches die Qualität des Anderen.

Romana Rebbelmund
Rede zur Vernissage “Kunst Raum Krankenhaus”
6.10.2002 in Köln

 



zurück zum Anfang